Der Wachmann benachrichtigte die Polizei, die daraufhin in dem Gebäude fünf Männer verhaftete, die Geschäftsanzüge und dünne Gummihandschuhe trugen. Außerdem waren sie mit zwei 35-mm-Kameras, 40 unentwickelten Filmrollen, einem Dietrich, einem Walkie-Talkie, Tränengas sowie elektronischen Abhörgeräten ausgerüstet. Darüber hinaus entdeckte man bei einem der Fünf ein Bündel 100-US-Dollar-Banknoten mit aufeinanderfolgenden Seriennummern.
Als die Männer am nächsten Morgen dem Haftrichter vorgeführt wurden, lehnte dieser eine Freilassung auf Kaution kategorisch ab. Obwohl sie falsche Namen angegeben hatten, konnten die Männer rasch identifiziert werden. Vier stammten aus Miami, Florida und bezeichneten sich als "professionelle Antikommunisten". Der Fünfte, ein gewisser James W. McCord jr., gab sich dem Richter gegenüber als ehemaliger Stabsoffizier des FBI aus. Woodward und Bernstein fanden heraus, dass auch die anderen vier "ehemalige FBI-Beamte" und darüber hinaus auch aktiver Mitglieder der von Miami ausgehenden Anti-Fidel- Castro- Bewegung waren.
NIXON - EIN OPFER?
Es scheint, als sei heute die Zeit reif Nixons politischen Aufstieg und Dall neu zu überdenken.
War er wirklich so korrupt, wie er in den Geschichtsbüchern dargestellt wird - oder fiel er womöglich seinem politischem Hauptziel, der Beendigung des sinnlosen Rüstungswettlaufes, zum Opfer?
SCHWERER VERDACHT
Innerhalb von 24 Stunden brachten die Reporter in Erfahrung, dass
McCord Mitglied des "Komitees zur Wiederwahl des Präsidenten" (CREEP)
war. Dies wurde von John Mitchell geleitet, dem ehemaligen
US-Justizminister und einem engen Freund Nixons. Die Verbindung
zwischen McCord und dem Komitee sowie der Gedanke, dass das Weiße Haus
an dieser Einbruchsaffäre beteiligt sein könnte, ließen Woodward und
Bernstein fortan keine ruhige Minute mehr.
Da die beiden Reporter bei ihren Ermittlungen auf erhebliche
Widerstände stießen, dachten sie sich geschickte Hinhaltetaktiken aus.
Sie wussten relativ schnell, dass das FBI -das die
Ermittlungen im Fall des Watergate-Einbruchs offiziell leitete- alles
tat, um die Sache zu verschleiern. Sie brachten zudem in Erfahrung,
dass auch die CIA ihre Hände im Spiel hatte und hinter den Kulissen
darauf hinarbeitete, die Ermittlungen zu behindern.
HOCHGRADIGE
KONTAKTE
Glücklicherweise hatte Woodward Verbindungen zu einem Informanten auf
höchster Regierungsebene, der den Codenamen "Deep Throat" trug. Dessen
Mitteilungen, die direkt aus Nixons engstem Umfeld zu stammen schienen,
waren für die Reporter von unschätzbarem Wert, wurden in der Presse
jedoch niemals direkt erwähnt.
Man hatte vereinbart, dass die mysteriöse Quelle Woodward mit Hinweisen
und anderen "Hintergrundinformationen" versorgen würde, die es dem
Reporterteam ermöglichen würde, sich weitere Informationskanäle zu
erschließen. Diese konnten dann veröffentlicht werden, ohne die
Identität von "Deep Throat" preiszugeben. Diese Taktik funktionierte so
gut, dass bis heute nicht geklärt ist, wer dieser Informant war, obwohl
es natürlich einige Spekulationen gibt. Die oft stundenlangen Treffen
mit "Deep Throat" fanden meistens gegen 2 Uhr nachts in einer
öffentlichen Tiefgarage statt. Auf ein verabredetes Zeichen hin gab man
sich gegenseitig zu erkennen. Da der Informant Woodward einschärfte
unbedingt darauf zu achten, dass ihm niemand folgen konnte, wechselte
der Reporter jedes Mal, wenn er zum vereinbarten Treffpunkt kam,
mehrmals das Taxi.
Mithilfe der von "Deep Throat" gelieferten Informationen konnte das
Reporterteam der Watergate-Geldspur folgen. Die 100-US-Dollarscheine,
die man in den Brieftaschen der Einbrecher gefunden hatte, gehörten zu
einem riesigen Bestechungsfond aus illegalen Wahlkampfspenden, die für
diverse Machenschaften verwendet wurden. Diese Spur führte die beiden
schließlich zu Herbert Kalmbach, dem persönlichen Anwalt Präsident
Nixons. Kalmbach war gewissen Leuten politisch gefällig und kassierte
dafür illegale Wahlkampfspenden zugunsten von Richard Nixons
Wiederwahl.
Die beiden Reporter der Washington-Post brachten in Erfahrung, dass es
im Weißen Haus eine geheime Gruppe mit der Bezeichnung "Plumbers"
(engl. "Klempner") gab, deren einzige Aufgabe darin bestand, undichte
Stellen innerhalb der Verwaltung zu stopfen. Die Mitarbeiter dieser
Gruppe führten jedoch auch diverse illegale Operationen durch, darunter
auch Einbrüche.
Der Chef der "Plumbers" war E. Howard Hunt, der bei der CIA-Karriere
gemacht hatte und sich ebenfalls tatkräftig für Nixons Wiederwahl
einsetzte. Die Reporter befassten sich mit ihm und seinen Verbindungen
und hielten bald den nahezu endgültigen Beweis dafür in den Händen,
dass das Weiße Haus selbst in den Watergate-Einbruch und noch weitere
Verbrechen verwickelt war.
Der Durchbruch kam, als Woodward und Bernstein illegalen Geldspenden an
CREEP auf die Spur kamen und nachweisen konnten, dass ein Teil davon
dafür verwendet worden war, um McCord und seine Komplizen nach deren
Verhaftung zum Schweigen zu bringen. Der Befehl zur Abzweigung dieser
Gelder war aus dem Weißen Haus ergangen. Damit führte die Spur des
Verbrechens direkt in die höchsten Regierungskreise. 1973
veröffentlichte die Presse tagtäglich neue peinliche Enthüllungen und
das Ansehen des Weißen Hauses sank auf den Nullpunkt. Der schützende
Kreis um Nixon bröckelte langsam aber sicher auseinander. Der
Watergate-Skandal führte zu einer innenpolitischen Krise von nie
gekanntem Ausmaß.
RISSE IN DER FASSADE
Nixons Anwalt, John W. Dean III., verließ das sinkende Schiff als
Erster. Er war tief in die Verschleierung und die Schmiergeldzahlungen
an die "Plumber"-Gruppe verstrickt und befürchtete, dass die Presse ihn
buchstäblich zerreißen würde. Er wollte nicht in die Rolle des
Sündenbocks gedrängt werden und stellte sich den
Watergate-Untersuchungskomitees als Kronzeuge zur Verfügung. Dieses
Komitee bestand aus mehreren Senatoren, die im Namen des Kongresses den
einzelnen Korruptionsanklagen nachgingen.
Aber das Schlimmste stand noch bevor. Es stellte sich heraus, dass der
FBI-Direktor Patrick Gray einige heikle Dokumente vernichtet hatte, die
aus E Howard Hunts Safe im Weißen Haus stammten. Darunter befand sich
unter anderem ein Telegramm des Außenministeriums, das von Hunt
gefälscht worden war und den Eindruck erwecken sollte, Präsident
Kennedy sei 1963 in die Ermordung des südvietnamesischen Präsidenten
NGO Dinh Diem verwickelt gewesen. In einer anderen Akte fanden sich
verleumderische Informationen über JFK's noch lebenden Bruder Senator
Edward Kennedy.
John Dean teilte dem stellvertretenden Justizminister Henry Peterson
mit, dass er an einem Treffen mit Gray und John Erlichman, dem
"Assistenten des Präsidenten in nationalen Fragen" und drittmächtigsten
Mann im Weißen Haus, teilgenommen hatte. Dort wurde Gray darüber
informiert, dass diese Akten "politisches Dynamit" seien und "niemals
ans Tageslicht kommen" dürfen. Die Nachricht, dass der höchste
Justizbeamte der Vereinigten Staaten Beweismaterial vernichtet hatte,
erschütterte Washington zutiefst.
GEHEIME TONBÄNDER
Aber damit war diese Affäre immer noch nicht ausgestanden. Alexander P.
Butterflied, ein enger Beamter von Haldemann, gab bekannt, dass Nixon
alle Gespräche im "Oval Office" heimlich aufnehmen lasse, um diese
Tondokumente später für seine Memoiren zu verwenden. Als das Komitee
Nixon zur Herausgabe dieses Beweismaterials aufforderte, entspann sich
ein langwieriger verfassungsrechtlicher Streit.
Als das Watergate-Untersuchungskomitee die Bänder schließlich
beschlagnahmte, stellten Experten rasch fest, dass die wichtigsten
Aufnahmen - vermutlich von Nixon selbst - gelöscht, bzw. so verändert
worden waren, dass ihr Inhalt nicht mehr deutlich zu hören war. Als
diese Nachricht die Öffentlichkeit erreichte, überstürzten sich die
Ereignisse geradezu. Um einem Amtsenthebungsverfahren und einer
öffentlichen Verhaftung zuvorzukommen, verkündete Nixon 1974
notgedrungen seinen Rücktritt.
NEUE
THEORIE
So weit die historisch anerkannten Fakten über die spektakuläre
Watergate-Affäre.
Ein Buch, das zwanzig Jahre später erschien, warf jedoch ein völlig
neues Licht auf diesen politischen Skandal. Len Colodny und Robert
Gettin, die Autoren von Silent Coup, behaupteten, dass das Pentagon
eigene Spione ins Weiße Haus eingeschleust habe, da das
Verteidigungsministerium Nixons Außenpolitik missbilligt habe. Die
Spione hatten den Auftrag "TOP SECRET-Dokumente" zu entwenden, um damit
politische Entscheidungen zu vereiteln. Wäre dem wirklich so gewesen,
wäre Nixon selbst das Opfer einer Verschwörung gewesen.
Die beiden Autoren enthüllten weiterhin, dass Bob Woodward, der frühere
Einsatzbesprechungen im Pentagon geleitet hat, über eine hohe "Security
Clearance" (die Berechtigung Geheimdokumente zu empfangen, bzw.
einzusehen) verfügte und als junger NAVY-Leutnant General Alexander
Haig mehrmals Instruktionen überbracht hatte. Woodward bestritt dies,
doch Admiral Thomas Moorer, ehemaliger Stabschef im Pentagon, hat diese
Behauptung öffentlich bestätigt. Woodward war, nachdem er die Marine
verlassen hatte, für die Washington-Post tätig gewesen, wo er durch
seine Watergate-Recherchen berühmt wurde.
Der Schlüssel zu Woodwards Erfolg war der geheimnisvolle Informant
"Deep Throat". Dieser wollte ausschließlich mit Woodward sprechen, der
die Identität seines Informanten selbst vor seinen höchsten
Vorgesetzten geheim hielt. Nicht einmal Carl Bernstein wusste Bescheid.
Die Autoren von Silent Coup gehen davon aus, dass es sich bei "Deep
Throat" um Alexander Haig handelte, der in Nixons außenpolitischen
Strategien eingeweiht war und an den Geheimverhandlungen teilgenommen
hatte, in denen Nixon eine Annäherung an China plante.
Es waren ebendiese Chinapolitik und Nixons Bestreben die US-Soldaten
aus Vietnam abzuziehen sowie auch sein Engagement für das SALT-Abkommen
(Abkommen zur Begrenzung strategischer Waffen) mit den Sowjets, das dem
Pentagon ein Dorn im Auge war. Mittels eingeschleuster Spione, so die
Autoren, konnte man sich über Nixons Vorhaben auf dem Laufenden halten,
gezielte Informationen an die Presse durchsickern lassen und damit die
Pläne des Präsidenten im Keim ersticken.



